„Digitalisierung - ein Kassensturz“ 
Rückblick auf das HORSCH Seminar

„Wenn alle nach etwas schreien, dann ist es schon gelaufen und es kommt etwas Neues auf uns zu.“ Diese Warnung von Michael Horsch vor zu viel oder falsch eingesetzter Digitalisierung sorgte für viel Diskussion. Er äußerte sich so im Rahmen des großen HORSCH Seminars am 14.03. am Hauptsitz in Schwandorf. Dort hielt er den Impulsvortrag und über 600 Gäste hörten ihm gespannt zu. Daneben sprachen noch weitere Referenten über ihre Sichtweisen und Erfahrungen mit dem Thema Digitalisierung. 

Dr. Wilfried Hartl führte in den Tag ein und hielt einen Vortrag abseits des vorherrschenden Themas Digitalisierung. Er referierte über gezielte Düngung durch Zwischenfrüchte. Ergebnisse und Kontrolle dürfen hier natürlich gern auch digital stattfinden. Zu Beginn erläuterte er, dass ökologische Landwirtschaft auch ohne Nutztierhaltung auskommt, wenn man sich Bodentiere zu Nutze macht. Forschungen seines Instituts in Österreich haben bereits bestätigt, dass dies in der Tat möglich ist. Bodentiere liegen in einer hohen Anzahl im Boden vor und sind nicht nur ein Indikator für eine gesunde Bodenstruktur, sondern tragen auch in einem hohen Maße zur Bodenfruchtbarkeit bei. Damit Nährstoffe in den Boden gelangen können neben dem Anbau von Zwischenfrüchten unter anderem auch Lebensmittelabfälle genutzt werden. Bereits 1983 wurden in Österreich erste Versuche mit kompostierten Lebensmittelabfällen und ihrer Wirkung auf Ackerflächen durchgeführt. Lebensmittelabfälle bringen zwar viel Kohlenstoff in den Boden, aber Humus ist für einen gesunden Boden auch von großer Bedeutung. Der zusätzliche Anbau von Zwischenfrüchten kann dieses Problem lösen. Dr. Wilfried Hartl hob dabei aber hervor, dass unterschiedliche Zwischenfrüchte angebaut werden müssen und vor allem tiefwurzelnde Begrünungspflanzen wichtig sind. Beim Anbau von Leguminosen wie Soja- oder Ackerbohnen muss im Vorfeld eine leguminosenfreie Begrünung gewählt werden. Dr. Wilfried Hartl betonte deutlich, dass es nicht nur Entwicklungsmöglichkeiten für den Biolandwirt gibt, sondern auch für konventionell wirtschaftende Betriebe. Eine der Kernaussagen seines Vortrages war „Kooperationen sind das Erfolgsrezept in der Natur“. 

  • Dr. Wilfried Hartl
    Dr. Wilfried Hartl

  • Michael Horsch
    Michael Horsch

Michael Horsch begann seinen Vortrag nicht direkt mit der Digitalisierung, sondern drückte beim Thema Öffentlichkeitsarbeit auch Kritik gegenüber dem ein oder anderen Verband aus. Seiner Meinung nach müssten die Verbände mehr auf die Gesellschaft zugehen und dafür sorgen, das Bild der Landwirtschaft zu verbessern, statt in den Tiefen der verbandlichen Selbstbeschäftigung zu verharren.

Beim Thema technischer Fortschritt übte Michael Horsch aber auch Selbstkritik. „Wir haben es zugelassen, dass unsere Produkte manchmal zu kompliziert werden. Es macht keinen Sinn, Maschinen mit zu vielen Sensoren auszustatten, wenn sie dadurch anfälliger für Reparaturen werden und die Einsatzbereitschaft sinkt.“ 

Er ging auch auf die Geschichte und das diesjährige Jubiläum des Sitzenhofs ein und resümierte darüber, dass dort schon seit 50 Jahren Landwirtschaft ohne Pflug betrieben wird. Vor ungefähr 40 Jahren kam dann sogar die bayerische Landesanstalt auf seinen Vater zu und fragte an, ob sie Versuche auf den Feldern durchführen könne. Damals war es noch unverständlich, dass Landwirtschaft ohne Pflug funktionieren kann. Die Auswertungen zeigten aber, dass die Anzahl der Regenwürmer mehr als doppelt so hoch war wie in herkömmlich bewirtschafteten Böden mit Pflug. „Wir haben unsere Vision vorangetrieben, was im Endeffekt doch richtig war.“, so Michael Horsch. In Zukunft setzt HORSCH das Thema „gesunder Boden“ nach wie vor ganz oben an, aber es gibt schon einen neuen Ansatz, dem sich das Unternehmen verstärkt widmet und zwar ist das das Thema „gesunder Mensch“. Supermarktketten beginnen bereits damit, nach und nach den Zucker in ihren Produkten zu reduzieren, weil sie bemerkt haben, dass der Druck von außen immer größer wird. Michael Horsch sieht die Zukunft darin, dass sich die Gesellschaft vermehrt von pflanzlichen Produkten ernähren wird und Landwirte darauf sensibilisiert werden müssen, was auf sie zukommen wird. Er sieht die Zukunft in der „Hybrid-Landwirtschaft“, die Ansätze der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft miteinander kombiniert und erweitert. Aber für alle Betriebe in Deutschland (egal ob klein oder groß und mit oder ohne Tiere) sieht er eine gute Zukunft. Denn das Wissen um guten Ackerbau und die Erzeugung hochwertiger Nahrung wird den Betrieben hierzulande in die Karten spielen.

Abschließend ging Michael Horsch nochmal genauer auf das Thema Digitalisierung ein. In der Tierhaltung habe ein erhöhter Grad an Digitalisierung durchaus seine Vorteile, weil sich der Landwirt dafür wieder mehr mit seinem Tier selbst als mit Bürokram beschäftigen kann. Im Ackerbau sieht das allerdings wieder ganz anders aus. Er kritisiert stark, dass die Landwirte durch die Digitalisierung zu viel Büroarbeit leisten müssen, die im Endeffekt sogar negative Auswirkungen auf den Reinertrag hat. Eines seiner abschließenden Statements war: „Wir als HORSCH müssen dazu beitragen, dass der Landwirt wieder mehr auf dem Acker steht und die Ergebnisse der Digitalisierung durch sein Wissen und sein Bauchgefühl im Acker noch erfolgreicher macht. “


 

Dr. Patrick Ole Noack hob in seinem Vortrag hervor, dass Begriffe wie Precision Farming, Landwirtschaft 4.0 oder Smart Farming fast das gleiche bedeuten und nicht klar voneinander zu trennen sind. „Ein digitales System ist etwas, das man erst richtig einstellen muss, damit es ertragreich wird.“ Weiterhin erläuterte er dazu, dass es sich bei Precision Farming um so etwas wie einen Werkzeugkasten handelt und jeder Landwirt die für ihn optimale Zusammensetzung finden muss. 

Bevor er darauf einging, welche Systeme der Digitalisierung einen Mehrwert für den Landwirt haben und welche nicht, warf er einen kurzen Blick zurück auf den Beginn der Digitalisierung in der Landwirtschaft. Diese begann 1998 mit der Parallelführung, die ein Wegweiser für die späteren Lenksysteme in Traktoren war. Er stellte auch heraus, dass die heutigen Lenksysteme eine Kosteneinsparung von 5-10% bringen und dass es sich dabei um ein System der Digitalisierung in der Landwirtschaft handelt, das sich für den Landwirt lohnt. 

Ziel der Digitalisierung ist es, Einschränkungen, die durch die Grenzen des Menschen entstehen, zu überwinden. Jedoch trägt nicht jedes System der Digitalisierung auch wirklich zu einem Wachstum bei. Dr. Patrick Ole Noack sieht zwar Lenksysteme oder den Einsatz von digitalen Systemen in der Erntelogistik als einen innovativen Fortschritt an, aber manch anderen Bereichen, in denen Digitalisierung eingesetzt wird, steht er skeptisch gegenüber. Er schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Digitalisierung umfasst so viel, dass man nicht pauschal sagen kann, ob sie sinnvoll ist oder nicht.“ 

  • Dr. Patrick Ole Noack
    Dr. Patrick Ole Noack

  • Max Stürzer
    Max Stürzer

Max Stürzer betreibt einen landwirtschaftlichen Betrieb in Starnberg und gab den Zuhörern einen Einblick in die Praxis. Schon seit über 20 Jahren werden auf seinem Betrieb digitale Systeme genutzt und er erläuterte, welche sich bisher bewährt haben. In den 1980er Jahren begann er damit, Nährstoffkarten seiner Ackerflächen zu erstellen, und ab 1998 sammelte er Daten, aus denen sich die ersten Ertragskarten zusammensetzten. 

Sein Ziel war es dabei, mit einfachen pflanzenbaulichen Maßnahmen auf Ertragsunterschiede auf seinen Ackerflächen zu reagieren. Aufbauend auf seinen Erfahrungen und den Bodenproben seiner Felder, weiß er ganz genau, wo sich ertragsschwache und ertragreiche Bereiche befinden. Je nach Bereich passt er die ausgebrachte Saatgutmenge an. Eine ertragsschwache Zone auf dem Feld erhält das 1,2-fache an Saatgut, während ertragreiche Bereiche auf der Ackerfläche das 0,9-fache an Saatgut erhalten. Vor allem GPS-Systeme sind ihm dabei eine große Unterstützung und helfen ihm, seine Beobachtungen noch weiterzuentwickeln. 

Dies war nur eins der Beispiele, die er anführte, um die positiven Auswirkungen der Digitalisierung auf seinem Betrieb herauszustellen. Zum Abschluss seines Vortrages sagte er aber auch, dass es zum Grundhandwerk eines jeden Landwirts gehört, sich den Boden auf seinen Feldern genau anzuschauen und sich nicht auf Daten zu verlassen. 


Als letzter Referent des HORSCH Seminars betrat Karl-Heinz Mann von der LBB Göttingen die Bühne. Er warf einen Blick auf die Digitalisierung aus Sicht der Beratung. Gleich zu Beginn seines Vortrages äußerte er sich kritisch und belegte anhand von Daten, dass sich in der Praxis kein Zusammenhang zwischen dem Umfang der Digitalisierung und dem Betriebsergebnis erkennen lässt. Das spricht seiner Meinung nach zwar nicht gegen die Digitalisierung, ist aber ein Anzeichen dafür, dass es andere Einflussfaktoren gibt, die die Prozesse der Digitalisierung überlagern. 

Als eines der Beispiele führte er den Einsatz von N-Sensoren an. Viele Praktiker verwenden N-Sensoren. Es gibt aber keine verlässlichen Daten, die belegen können, dass N-Sensoren einen Mehrwert haben. Was nach Meinung von Karl-Heinz Mann fehlt, ist ein firmenunabhängiges Versuchswesen, um genauere und abgesicherte Daten über den Nutzen von N-Sensoren zu sammeln. 

Große Vorteile der Digitalisierung sieht Karl-Heinz Mann allerdings in der Organisation der Büroarbeit. Vor allem im Bereich der Buchhaltung und bei der Erstellung von Schlagkarteien sind digitale Systeme von Nutzen und tragen unter anderem zur Zeitersparnis bei.

 „Digitalisierung: Problemlösung oder Spielerei?“ war eine der abschließenden Fragen, die er stellte. Seiner Meinung nach liegt in vielen Betrieben keine ausreichende Struktur vor, dass sich Digitalisierung rechnet. Digitale Instrumente können zwar eine große Hilfe sein, aber dürfen den Betriebsleiter nicht belasten und im Büro binden. Der erfolgreiche Betriebsleiter im Ackerbau sollte seine Arbeitszeit überwiegend auf dem Acker verbringen. Damit spannte er den Bogen zurück zu Michael Horsch und entließ die 600 Gäste mit viel neuem Wissen und vielen Themen zur Diskussion in den Abend.

  • Karl-Heinz Mann
    Karl-Heinz Mann